Das Moratorium – Bildung und Selbstfindung
Ein Moratorium bedeutet eine Bildungs- und Erwerbspause auf dem Weg in das Erwachsenenalter. Es ist das Gegenmodell zu Leistungsdruck und Turbostudium.
Was ist ein Moratorium?
Allgemein betrachtet ist ein Moratorium eine Pause im Rahmen eines Prozesses. Dieser Prozess wird unterbrochen, um sich erneut Gedanken darüber zu machen und zwischendurch zu prüfen, ob alles auch wirklich in die gewünschte Richtung geht.
Der Psychologie Erikson hat sich mit den Entwicklungsphasen von Menschen beschäftigt. Er hat den Begriff des Moratoriums im Zusammenhang mit der Erwerbs- und Bildungsbiografie geprägt.
Ein Moratorium findet aus Sicht der Sozialpsychologie während des Übergangs von der Kindheits- zur Erwachsenenidentität statt. Dabei wird das Eintreten des endgültigen Erwachsenenalters hinausgezögert, um sich noch etwas Orientierungszeit zu schaffen.
Eine Biografie kann nicht in jedem Fall perfekt durchgeplant werden. Manchmal wünschen sich jüngere Leute erst einmal eine Auszeit, bevor sie sich für einen Beruf entscheiden, der womöglich das gesamte Leben ausgeübt werden soll.
Besonders Sinn könnte ein Moratorium ergeben, wenn ein Student oder eine Studentin merkt, dass der ursprünglich angestrebte Ausbildungsweg nicht das Richtige ist. Bevor gedankenlos in das nächste Bildungsabenteuer gestürzt wird, bleibt so Zeit, erst einmal die eigenen Möglichkeiten wie auch die wahren beruflichen Interessen ausloten. Eine solche Selbstfindungsphase kann dazu führen, dass man reifer wird und eine Vorstellung davon erhält, was man wirklich mit seinem Leben anfangen möchte.
Wie kann ein Moratorium konkret aussehen?
Nach einem Studienabbruch bietet sich ein Moratorium ebenso an wie nach Abbruch oder Beendigung einer Berufsausbildung. Ebenso ist ein Moratorium zwischen Erst- und Zweitstudium denkbar, zwischen Vor- und Hauptstudium, oder auch unmittelbar nach dem Abi.
Ein Moratorium muss nicht unbedingt bewusst angetreten werden. Vielleicht führt lediglich das Bedürfnis nach einer Studienpause oder das Hadern mit der frisch gewählten beruflichen Tätigkeit zu einem Sabbatical.
In dieser Zeit kann die Welt bereist werden. Oder man beginnt beispielsweise einen Studiengang, der nur für ein bis zwei Semester angetestet werden soll. Das Moratorium steht ganz im Zeichen der Selbstfindung.
Natürlich muss es nicht gleich ein Auslandsaufenthalt sein. Denkbar wäre auch ein Verweilen im Hotel Mami. Von dort aus kann frei von finanzieller Verantwortung erst einmal das lokale Nachtleben erkundet oder das Angebot an Videospielen getestet werden.
Wichtig ist eigentlich nur, dass ein Moratorium nicht zur Realitätsflucht wird, sondern produktiv ist. Dabei geht es um viel mehr, als die Auszeit nur in Bewerbungsgesprächen gut verkaufen zu können.
Ziel ist schließlich nicht der Zeitgewinn vor dem Erwachsenwerden, sondern die Orientierung, das Experimentieren und letztendlich die Persönlichkeitsentwicklung.
Diese kann von einem Moratorium besonders profitieren. Denn eine der wichtigsten Lehren, die aus einem Sabbatical gezogen werden kann, ist die, dass man selbst entscheidet, in welcher Geschwindigkeit sich die eigene Persönlichkeit weiterentwickelt – und nicht etwa zukünftige Arbeitgeber oder die Gesellschaft.
